Homophobie

Autor: Thomas Riedel

Stell dir vor, du wirst beschimpft, wenn du deinen Partner in der Öffentlichkeit küsst.

Stell dir vor, dein Bruder begeht Selbstmord, weil er die falsche Person liebt.

Und jetzt stell dir vor, das ist die Realität.

Immer noch fühlen sich Menschen angegriffen, wenn sich zwei gleichgeschlechtliche Partner küssen. Etwa die Hälfte der Befragten einer Studie stimmten der Aussage „Wenn sich zwei Schwule auf der Straße küssen, finde ich das abstoßend“, zu. Derartige Einstellungen, die Ablehnung schwuler Männer und lesbischer Frauen, werden unter dem Begriff Homophobie gefasst. Dieser Begriff ist allerdings strittig, da eine Phobie eine unkontrollierbare Angststörung ist. Im Gegensatz dazu ist Homophobie allerdings eine Art Unsicherheit, Feinseligkeit oder Ekel im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlicher Liebe. Dies äußert sich zum Beispiel in Unwohlsein in der Gegenwart von Homosexuellen, oder in der Ablehnung von Rechten für Homosexuelle, etwa der gleichgeschlechtlichen Ehe, oder darin, dass man aktiv den Kontakt mit Homosexuellen meidet. Eine solche Haltung ist oft durch die Erziehung, Religion oder das Umfeld geprägt, und ist somit auch kontrollierbar. Wenn du dich also dabei erwischst, dass du dich in der Gegenwart von Schwulen oder Lesben unwohl fühlst, solltest du dich fragen: „Bin das wirklich ich oder hat mir die Gesellschaft das antrainiert?“
Dadurch werden deine folgenden Handlungen nicht mehr ein unbewusster Akt der Ausgrenzung, sondern vielleicht eine bewusste Entscheidung zur Akzeptanz.

Was sind die Ursachen von Homophobie?

Es gibt viele Einflussfaktoren, die bei der Entstehung von Vorurteilen eine Rolle spielen.
Zum einen vereinfachen Menschen ihre Umwelt und stecken daher andere in Schubladen. So werden also Schwule und Lesben unterbewusst mit einem Label versehen, einer Art Durchschnitt aus eigenen Erfahrungen und allgemeinen gesellschaftlichen Vorstellungen. Es ist offensichtlich, dass eine solche Kategorisierung auf den einzelnen Menschen in den seltensten Fällen zutrifft und man sollte sich das auch bewusst machen.

Weiterhin wollen Menschen sich selbst aufwerten und werten zu diesem Zweck Andersartige ab. Das kann passieren, wenn man sich in seinem eigenen Selbstwert oder in der Gruppenzugehörigkeit bedroht fühlt.

Dazu kommt die generelle Abwehrhaltung gegenüber dem Unbekannten, die jeder Mensch von Grund auf hat. Hier hilft es, wenn LGBTQ+ bekannter wird und immer mehr Menschen sich outen bzw. wenn es auch in der öffentlichen Meinung zu der normalen Sache wird, die es ist. In den drei eben genannten Fällen, also Schubladendenken, Selbstaufwertung und Angst vor dem Unbekannten laufen eher unbewusste Prozesse ab, die Homophobie oder auch andere Vorurteile verursachen und man kann dem entgegenwirken, indem man sich bewusst macht, dass es diese Prozesse gibt und sich selbst darin übt, nicht in ein solchen Denken zu verfallen.

Ein weiterer Faktor ist die alltägliche Sprache. Wenn Sätze wie: „Nein ich will das nicht, das ist voll schwul“ verwendet werden, in denen schwul in einem negativen Kontext auftaucht, dann speichert unser Gehirn eine negative Einstellung gegenüber dem Schwulsein ab.
Daher: Achtet auf eure Sprache und scheut euch auch nicht, andere darauf hinzuweisen, dass sie doch bitte anders reden sollen.

Sind homophobe Menschen selbst homosexuell?

Einer Theorie von Sigmund Freud zufolge gibt es einen Abwehrmechanismus namens Projektion, bei dem unerwünschte eigene Gefühle, Impulse oder Wünsche bei anderen auch als unerwünscht angesehen werden. So schämt sich z.B. ein Schwuler für seine eigenen Gefühle und schafft es nicht, sich zu outen, und entwickelt daher einen Hass auf andere, die ihrem wahren Selbst nachgehen. Umgekehrt heißt das, dass manche homophobe Menschen vielleicht selbst homosexuell sind. Eine Studie mit einer relativ kleinen Stichprobe (eher geringe Aussagekraft) hat das Erregungslevel von als homophob eingestuften Männern beim Anschauen von homosexuellem Videomaterial gemessen und herausgefunden, dass diese homophobe Testgruppe stärker erregt war als eine nicht homophobe Vergleichsgruppe.

Auch ein anderes Experiment konnte zeigen, dass homosexuelle Neigungen bei Menschen vorhanden sind, die behaupten, vollständig heterosexuell zu sein. Interessant war hier, dass Menschen mit homosexuellen Neigungen, die aber aussagen, heterosexuell zu sein, ein gesteigertes Aggressionsverhalten gegenüber Homosexualität an den Tag legen.

Fazit: Unterdrückte Homosexualität kann zu Homophobie führen. Man sollte sich also bewusst machen, dass es völlig normal ist, schwul oder lesbisch zu sein, und auch seiner inneren Einstellung folgen. Somit kann man erstens verhindern, dass man selbst homophob handelt, zweitens mit einem guten Beispiel vorangehen und drittens wird man selbst auch viel glücklicher.

Ist es okay, wenn ich als Junge meinen besten Freund umarme, auch wenn ich nicht schwul bin?

Wir leben leider in einer Gesellschaft, in der es schwierig ist, unter Jungs Körperkontakt zu haben. Immer steht der Gedanke im Hinterkopf: „Wenn ich ihn jetzt berühre, denkt er dann, dass ich schwul bin? Verurteilt er mich dann?“ Deswegen kann ich aus persönlicher Erfahrung sagen, dass auch emotionalere Gespräche unter Jungs oft mit einem gewissen „Sicherheitsabstand“ geführt werden, weil man Angst vor dieser Schublade hat, in die man gesteckt werden könnte. Und dabei gibt es doch eigentlich, wenn man grade Liebeskummer hat oder sich komplett unter Druck gesetzt fühlt, nichts Besseres als eine Umarmung oder eine unterstützende Hand auf dem Arm. Deswegen finde ich es wichtig, dass man sich über derartige Ängste hinwegsetzt und sich nicht davon abhalten lässt, einen guten Freund zu trösten und aufzumuntern.

Hier weiterlesen:

Homophobie unter Jugendlichen | Deutschland | DW | 20.03.2012

Homophobie – ein langer Weg zum Fortschritt | Deutschland | DW | 23.09.2020

Homophobie – Durch persönliche Erfahrungen schwinden die Vorurteile (Archiv) (deutschlandfunk.de)

Was du über Homophobie wissen musst – FAQ – quarks.de